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Statement des Mensch Meier zum Umgang mit grenzüberschreitendem Verhalten und sexualisierter Gewalt


Triggerwarnung: Thematisierung von grenzüberschreitendem Verhalten und sexualisierter Gewalt

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„Wir müssen auch darüber sprechen, dass antisexistische (genauso wie antirassistische) Positionen gerade in linken Kreisen oft performativ und nur auf Image-building ausgerichtet sein. Es geht nicht nur darum, offen sexistisch getätigte Aussagen von Menschen anzuprangern, die vielleicht außerhalb des eigenen Dunstkreises tätig sind. Es geht auch um das, was im Privaten passiert, es geht darum, sexistisches Verhalten anzusprechen und zu kritisieren, auch wenn es der beste Kumpel ist, der sie tätigt, und man vielleicht ein unangenehmes Gespräch führen muss.“ (Paula Charlotte, Februar 2021, frohfroh)

In diesem Brief werden Wörter, Systeme und Strukturen benannt, die nicht allen Menschen bekannt sind. Wir verwenden eine Sprache, die Tendenzen der Über-Akademisierung aufweist. Aber das Sprechen über sexualisierte Gewalt selbst ist oft von Gewalt geprägt. Wir wissen um die Schwierigkeit und möchten mit diesem Brief das gemeinsame Nachdenken über die Bedingungen für gelingend(er)es öffentliches Sprechen über sexualisierte Gewalt voranbringen.

Regelmäßig werden Übergriffe von unserem Türkollektiv und unserem Awareness-Team behandelt. Regelmäßig werden Menschen aus unserem Netzwerk zu auslösenden Personen oder zu Betroffenen.

Seit längerer Zeit setzen wir uns intensiver mit sexistischem, sowie übergriffigem Verhalten und sexualisierter Gewalt auseinander. Um an uns zu arbeiten und zu lernen, lassen wir uns professionell beraten und supervisorisch begleiten. Unser Anspruch ist es, ein „safer Club" zu sein (nicht safe, sondern „safer“ im Sinne von „sicherer“). Wir sind solidarisch mit Betroffenen. Wir lernen und versuchen uns freier zu machen, von unserer patriarchalen Sozialisation. Das bedeutet auch, dass wir uns und unsere Verhaltensweisen selbst hinterfragen wollen, um sie verändern zu können.

Konkrete Anlässe, die zum Teil an uns herangetragen wurden, zum Teil in den letzten Tagen und Wochen bei uns besprechbar geworden sind, lassen die Auseinandersetzung für uns noch dringlicher werden. Das bedeutet, dass sich zwei Kollektivmitglieder aus dem Betreiber:innen-Kollektiv des Mensch Meier (und der B-Lage) sowie eine mitarbeitende Person der Programm AG des Mensch Meier, aus den sichtbaren Strukturen, der Kommunikation und den koordinierenden Aufgaben zurückgezogen haben. Diese Menschen werden darüber hinaus bei Veranstaltungen nicht anwesend sein.

In allen Fällen möchten wir die Betroffenen schützen und arbeiten (soweit uns das möglich ist) mit ihnen zusammen daran, dass sie in der Aufarbeitung der Erlebnisse abgeholt und begleitet werden können.

Wir wollen uns im Mensch Meier und der B-Lage fokussierter mit dem strukturellem Umgang von grenzüberschreitendem Verhalten, vor allem im Kontext sexualisierter Gewalt auseinandersetzen. Wir wollen Wege finden, dies besprechbar zu machen, um zusammen weiter zu lernen. Unsere Awareness-Struktur ist hierfür bereits ein wichtiger Beitrag, sie soll und kann aber nicht allein in die Auseinandersetzung gehen. Das geht uns alle etwas an und wir wollen uns zusammen der Auseinandersetzung stellen.

Unsere Kolleg:innen und Kooperationspartner:innen versuchen wir zu den Geschehnissen auf dem Laufenden zu halten. Für Kolleg:innen des Mensch Meier haben wir eine erste Vollversammlung zu dem Thema einberufen, um für den Gesprächsbedarf Raum zu eröffnen. Bei dieser einen wird es nicht bleiben.

Wir wissen nicht, welche langfristigen Konsequenzen diese Prozesse für die auslösenden Personen haben werden. Klar ist, dass sie gerade nichts in Positionen mit hoher Verantwortung verloren haben und sich mit ihrem Verhalten grundsätzlich auseinandersetzen müssen, um das Versprechen auf nachhaltige Veränderung einlösen zu können.

Der Umgang mit einzelnen Fällen ist verschieden. Wir gehen nicht den Weg des kompletten Ausschlusses aus unserem Kernkollektiv und der Crew. Wir arbeiten daran, dass Menschen sich und ihr eigenes Verhalten ändern können. Dafür braucht es ein entsprechendes Umfeld und da sehen wir uns als Gemeinschaft in der Verantwortung, sie zu dieser Veränderung zu verpflichten. Ein kategorischer Ausschluss würde uns daran hindern und ist für uns zum jetzigen Zeitpunkt keine Option. Wir sehen gleichzeitig unsere Verantwortung. Wir haben uns nicht ausreichend darum bemüht, Strukturen zu schaffen, die grenzüberschreitendes Verhalten und sexualisierte Gewalt verhindern. Unsere eigene patriarchale Sozialisierung haben wir nicht nachhaltig reflektiert und dadurch eine Kultur gefördert und reproduziert, die ein solches Verhalten schützt und unterstützt. Das wollen wir nicht länger hinnehmen und an uns arbeiten.

Wir haben zu Beginn des Jahres beschlossen, dass wir transparenter werden wollen, was Fälle übergriffigen Verhaltens und sexualisierter Gewalt angeht. Daher haben wir im April 2021 die Möglichkeit auf unserer Homepage geschaffen, unsere Denkanregungen zu veröffentlichen.

https://menschmeier.berlin/ueber-uns/wir/statements

Wir hoffen, dass wir den Bedürfnissen und Forderungen betroffener Menschen durch die intensive Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen und einem transparenteren Umgang damit gerecht werden. Wir verfolgen das Ziel, das Thema besprechbarer machen zu können. Hierzu gehört bei den vorliegenden Fällen auch eine Auseinandersetzung mit Täter:innenschutz. Wir haben Schwierigkeiten, keinen Täter:innenschutz zu leisten. Wir sind mit den auslösenden Menschen persönlich verbunden, wir tragen eine gemeinsame Geschichte. Wir haben lange zusammengearbeitet und dieses Projekt gemeinsam aufgebaut. Außerdem erfordert die Aufrechterhaltung des Betriebs eine Neuordnung der Verantwortlichkeiten und Übergaben von arbeitsrelevantem Wissen. Hierfür brauchen wir Zeit. All das sollen keine Begründungen sein, warum wir handeln, wie wir handeln. Es geht darum, dass wir die Analyse der Risiken genauso teilen wollen, wie unsere Ängste. Dadurch machen wir uns angreifbar. Nur, wenn wir uns selbst diese Fallstricke und Ängste vor Augen führen, haben wir eine Chance, tatsächliche Veränderung zu ermöglichen.

Wir sprechen hier zwar von einem „Wir“ und „wir“ sind ein Kollektiv – wir haben zu diesem Thema aber auch einige gegensätzliche Positionen, die uns täglich aneinander reiben lassen. Wir haben uns aber gemeinsam -vorerst- für den komplexeren Weg entschieden. Wir wollen das Problem nicht einfach auf einzelne Menschen verschieben und sie ausschließen – denn für das Problem sind wir alle verantwortlich. Klar ist aber auch, dass diese Menschen falsch gehandelt haben. Das war ihre Entscheidung. Dafür tragen sie die Verantwortung. Klar ist auch, dass wir als Umfeld, Kolleg:innen und Freund:innen eine Mitverantwortung tragen, da wir u.a. auch der Rahmen sind in dem Vorfälle wie diese stattfinden. Wir danken allen betroffenen Personen, mit ihrer Stimme den wichtigsten Impuls zur Besprechbarkeit gegeben zu haben.

In Solidarität

Betreiber:innen-Kollektiv des Mensch Meier und der B-Lage

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Weiterlesen & Nachdenken:

Anna Schiff. 2018. IST DOCH EIN KOMPLIMENT. Behauptungen und Fakten zu Sexismus. In: Luxemburg argumente Nr. 9. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Argumente/lux_argu_9_Sexismus_dt_11-18_3teAufl.pdf

Lilian Schwerdtner. 2021. Sprechen und Schweigen über se-xualisierte Gewalt. Münster: edition assemblage.


Paula Charlotte. 2021. Täterschutz in der Clubkultur: Welche Strukturen Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen. Leipzig: frohfroh. https://www.frohfroh.de/35409/taeterschutz-in-der-clubkultur-welche-strukturen-taeter-schuetzen-und-sexualisierte-gewalt-verharmlosen



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